Kleinere Tickets, echte Nähe: Wie wir über Co-Investments denken
Ein Lead-Investor, der 80 Prozent der Runde füllt und danach zweimal im Jahr anruft, ist kein Gewinn. Warum wir kleiner einsteigen, näher bleiben und was uns das an Einfluss kostet.
Es gibt eine Erzählung im Wagniskapital, die kaum hinterfragt wird: Der gute Investor ist der große Investor. Wer die Runde anführt, setzt die Bewertung, bekommt den Sitz im Beirat und die Informationsrechte. Alle anderen füllen auf.
Wir machen das nicht, und zwar nicht aus Bescheidenheit. Weidner Ventures ist eine Investment-GmbH mit eigenerwirtschaftetem Kapital, kein Fonds mit Kapitalgebern im Hintergrund, die eine Mindestticketgröße erwarten. Das gibt uns eine Freiheit, die Fonds nicht haben: Wir dürfen klein einsteigen, wenn klein die richtige Größe ist.
Was ein Co-Investment bei uns praktisch heißt
Wir kommen selten allein. In der Regel sitzt eine Gruppe befreundeter Business Angels mit am Tisch, die wir aus vielen operativen Jahren kennen und die wir zu einem Vorhaben dazuholen können. Wie diese Sichtung abläuft, steht offen in unserem Artikel darüber, wie unser Investment-Komitee entscheidet.
Für ein Team heißt das etwas Konkretes: Sie bekommen nicht einen Ansprechpartner, sondern Zugang zu mehreren Menschen, die in unterschiedlichen Feldern schon einmal dasselbe Problem gelöst haben. Warum wir diesen Zugang für den eigentlichen Wert halten, haben wir in Das Netzwerk als Kapital ausgeführt.
Ein kleines Ticket mit einem Anruf, der etwas löst, ist mehr wert als ein großes mit einem Quartalsbericht.
Der Nachteil, den wir nicht wegreden
Kleinere Tickets bedeuten weniger Vertragsmacht. Wir haben in den meisten Fällen kein Vetorecht, keinen Sitz im Beirat, keine Sperrminorität. Wenn eine Gesellschafterversammlung gegen unsere Einschätzung entscheidet, entscheidet sie gegen unsere Einschätzung.
Das ist eine bewusste Wahl mit Konsequenz. Unser Einfluss entsteht nicht aus einer Klausel, sondern daraus, dass man uns anruft, weil das Gespräch nützlich war. Das ist der unbequemere Weg, weil er sich jedes Quartal neu verdienen muss. Für Gründer ist er meist der angenehmere: Ein Investor, der überzeugen muss, argumentiert besser als einer, der durchsetzen kann.
Warum kleinere Angel-Tickets in Deutschland strukturell begünstigt sind
Ein Punkt, den überraschend viele Teams nicht kennen, obwohl er ihre Runde leichter füllbar macht: Der Bund bezuschusst private Beteiligungen an jungen Unternehmen. Über das Programm INVEST, Zuschuss für Wagniskapital erhält ein Investor laut BAFA 15 Prozent des Ausgabepreises seiner Anteile als Erwerbszuschuss. Die Beteiligung muss mindestens 10.000 Euro betragen und mindestens drei Jahre gehalten werden, pro Investor sind insgesamt maximal 100.000 Euro Erwerbszuschuss möglich, und pro Unternehmen können Investitionen im Wert von bis zu 3 Millionen Euro pro Kalenderjahr bezuschusst werden (Stand der abgerufenen Programmseite: 7. August 2026).
Zwei Ehrlichkeiten dazu, weil das Programm oft falsch verkauft wird. Erstens: Der Zuschuss geht an den Investor, nicht an das Startup. Er verbilligt fremdes Kapital, er ersetzt keine Finanzierung. Zweitens: Die Mindesthaltedauer von drei Jahren ist eine Bindung. Wer diese Struktur nutzt, hat sich für einen Zeitraum entschieden, in dem ein Verkauf der Anteile den Zuschuss gefährdet. Genau deshalb passt sie gut zu Investoren, die ohnehin länger bleiben wollen, und schlecht zu solchen, die auf eine schnelle Weiterveräußerung schauen.
Woran wir ein gutes Ticket erkennen
Bei ungefähr gleicher Substanz entscheidet für uns eine einzige Frage: Können wir mehr beitragen als Geld. Wo wir Markenaufbau, Performance-Marketing, Vertriebsaufbau oder Zugang einbringen können, sind wir ein besserer Partner als ein reiner Kapitalgeber. Wo wir das nicht können, sagen wir es und geben entweder nur Geld oder gar nichts.
Dazu kommt eine unromantische Präferenz: Wir mögen Teams, die ihren Engpass benennen können. „Wir brauchen Kapital für Wachstum" ist kein Engpass, sondern eine Kategorie. „Unsere Akquisitionskosten steigen seit vier Monaten und wir wissen nicht, ob das der Kanal oder das Angebot ist" ist ein Engpass, und es ist einer, bei dem wir helfen können.
Kleiner heißt nicht billiger
Ein Missverständnis zum Schluss: Kleinere Tickets bedeuten nicht, dass wir uns unter Wert einkaufen wollen, und auch nicht, dass wir Bewertungen drücken. Wenn wir Wissen und Arbeit statt Geld einbringen, wird das zu Marktsätzen bewertet und bekommt die Konditionen der übrigen Investoren der Runde. Wie das vertraglich funktioniert, steht in Knowledge for Equity.
Wir wollen nicht die größte Position im Cap Table. Wir wollen die, bei der man uns anruft, wenn es klemmt. Erzählen Sie uns, woran es hängt.
Hinweis: Dieser Artikel ist eine unternehmerische Einordnung, keine Rechts-, Steuer- oder Anlageberatung. Förderkonditionen ändern sich; verbindlich ist immer die Programmseite des BAFA zum Zeitpunkt Ihrer Antragstellung.