DeepTech, das wir verstehen: woran wir echten Vorsprung erkennen
Ein Patent beendet in vielen Pitches die Diskussion über den Wettbewerbsvorteil. Bei uns fängt sie dort an. Was wir prüfen, was wir höher bewerten als Schutzrechte und was wir uns nicht zutrauen.
DeepTech ist der Sektor mit dem größten Abstand zwischen Behauptung und Nachprüfbarkeit. Bei einem Onlineshop sieht man in einer Stunde, ob Menschen kaufen. Bei einem neuen Verfahren, einem Materialansatz, einem Sensorprinzip sieht man erst einmal eine Präsentation und ein selbstbewusstes Team.
Deshalb haben wir uns angewöhnt, in DeepTech-Gesprächen nicht über die Technologie zu diskutieren, sondern über ihre Haltbarkeit. Die interessante Frage ist selten „funktioniert das". Sie ist „was hindert jemand anderen daran, das in zwei Jahren besser zu machen".
Ein Patent ist ein Signal, kein Graben
In vielen Pitches steht das Patent als Beweis für den Vorsprung. Zwei Tatsachen aus dem Patentrecht relativieren das, und beide sind nachlesbar.
Erstens die Offenlegung. Nach § 31 PatG wird die Akte einer Patentanmeldung öffentlich zugänglich, wenn seit dem Anmeldetag oder, wenn ein früherer Zeitpunkt in Anspruch genommen wird, seit diesem Zeitpunkt achtzehn Monate verstrichen sind. Ihr Verfahren ist also ab dann für jeden Wettbewerber lesbar, in der Detailtiefe, die für die Nacharbeitbarkeit nötig war. Ein Patent verhindert die Nachahmung nicht, es macht sie angreifbar. Das ist ein Unterschied, den ein Wettbewerber in einem Land ohne Ihre Durchsetzungsbereitschaft schnell ausnutzt.
Zweitens die Bestandskraft. Nach § 59 Abs. 1 PatG kann innerhalb von neun Monaten nach der Veröffentlichung der Erteilung jeder gegen das Patent Einspruch erheben. Ein frisch erteiltes Patent ist damit ein Anspruch, über den noch gesprochen werden kann, nicht ein abgeschlossener Besitz.
Ein Patent sagt, dass Sie etwas erfunden haben. Es sagt nicht, dass Sie es zweimal bauen können.
Unsere Frage lautet deshalb nicht „haben Sie Schutzrechte", sondern: Was schützt Sie in den achtzehn Monaten bis zur Offenlegung, und was bleibt, wenn ein zentraler Anspruch im Einspruchsverfahren fällt? Teams mit einer guten Antwort darauf haben meist mehr als ein Schutzrecht.
Was wir höher bewerten als die Schrift
Der Vorsprung, den wir am ernstesten nehmen, steht in keiner Patentschrift, weil er sich dort nicht formulieren lässt: Betriebswissen. Die Prozessparameter, bei denen die Ausbeute kippt. Die Reihenfolge, in der man eine Anlage anfährt. Der Katalog der Fehler, die man einmal gemacht hat und nicht wieder macht. Wer eine Sache zweimal zum Laufen gebracht hat, besitzt etwas, das niemand aus der Offenlegung liest.
Praktisch fragen wir nach dem letzten Fehlschlag. Was hat nicht funktioniert, warum, und was hat sich daraus geändert. Die Antwort ist ein besserer Indikator als jede Roadmap, weil man sie nicht ohne Erfahrung erfinden kann. Teams, die auf diese Frage nur Erfolge erzählen, haben entweder noch nicht genug gebaut oder erzählen uns nicht alles.
Der Engpass ist selten die Physik
Die meisten DeepTech-Vorhaben, die wir scheitern sehen, scheitern nicht an der Technologie. Sie scheitern an dem, was danach kommt. Deshalb kommen im Gespräch immer dieselben vier Punkte auf den Tisch.
Die Zulassung. Braucht Ihr Produkt eine Genehmigung, eine Zertifizierung, einen Nachweis, und wie lange dauert der wirklich? Ein Zulassungsweg ist ein Wettbewerbsgraben, sobald Sie ihn hinter sich haben, und eine Finanzierungslücke, solange Sie davor stehen.
Die Lieferkette. Hängt Ihre Fertigung an einer Komponente, die von einem einzigen Hersteller kommt? Dann ist Ihre Marge dessen Entscheidung.
Der Einkaufszyklus. Industrielle Kunden kaufen nicht, wenn das Produkt fertig ist, sondern wenn ihr Budget es zulässt. Ein Verkaufsprozess über mehrere Quartale ist kein Vertriebsproblem, sondern eine Anforderung an Ihre Kapitalplanung.
Die Erzählbarkeit. Kann jemand, der kein Fachmann ist, in zwei Sätzen sagen, warum das besser ist? Wenn nicht, wird die Finanzierung teuer, unabhängig von der Qualität der Technik.
Was wir ehrlich nicht beurteilen können
Hier gehört ein Satz hin, den Investoren selten schreiben. Wir sind Operator-Investoren, keine Laborgutachter. Bei tiefer Materialforschung, bei klinischen Endpunkten, bei Halbleiter-Fertigungsphysik endet unsere eigene Urteilsfähigkeit, und wir wissen, wo sie endet.
In diesen Fällen holen wir jemanden dazu, der es beurteilen kann, oder wir sagen ab. Eine solche Absage ist keine Bewertung Ihres Unternehmens. Sie ist genau der dritte Grund, den wir in Wie unser Investment-Komitee entscheidet beschrieben haben: außerhalb dessen, was wir beurteilen können. Wer diese Absage bekommt, sollte sie als Hinweis lesen, dass ein spezialisierter Investor der richtige Adressat ist, nicht als Urteil über die Sache.
Wo wir sicher etwas beitragen
Was wir können, ist die zweite Hälfte des Wegs. Aus einem funktionierenden Verfahren wird kein Unternehmen, solange niemand die Nachfrage organisiert. Markenaufbau, Positionierung, Performance-Marketing, Vertriebsaufbau und der Zugang zu Menschen, die in Ihrem Zielmarkt schon eingekauft haben: Das ist die Arbeit, die wir einbringen können, und zwar nicht als Ratschlag, sondern als Leistung mit Vertrag. Wie wir sie bewerten und in eine Beteiligung übersetzen, steht in Knowledge for Equity. Wer davon zuerst die Menschen braucht, findet den Gedanken in Das Netzwerk als Kapital.
Wenn Sie an etwas arbeiten, das schwer zu erklären und schwer zu kopieren ist: Genau darüber sprechen wir gern. Erzählen Sie uns, woran es hängt.
Hinweis: Dieser Artikel ist eine unternehmerische Einordnung, keine Rechts- oder Patentberatung. Rechtsstand der zitierten Vorschriften: 7. August 2026.